Vor einigen Tagen stellte Linden Labs den Source Code des Second Life Viewers unter eine Open Source Lizenz (Pressemitteilung). Dies ist ein durchaus interessanter Schritt und man darf gespannt sein, ob die Strategie von Linden Labs, über diese Offenlegung des Source Codes die kommerzielle Verwendung von Second Life anzuheizen, erfolgreich sein wird. Gleichzeitig kratzt Linden Labs damit aber auch an einer virtuell-politischen Entwicklung, die ähnlich revolutionär sein könnte wie die Einführung von Eigentumsrechten an digitalen Objekten.
Second Life hat uns gezeigt, dass virtuelle Wirtschaftssysteme ab einer gewissen Größe eine Form eines digitalen Regierungssystems benötigen, welches die rechtlichen Rahmenbedingungen des Systems verwaltet, deren Einhaltung kontrolliert und so das virtuelle Zusammenleben regelt. In Teen Second Life manifestiert sich dieses System insbesondere durch die Präsenz von Jugendschutzbeauftragten (erkennbar durch den Nachnamen „Linden“), die innerhalb der virtuellen Welt polizeiliche Aufgaben übernehmen und im Fall von Gesetzesbrüchen TeilnehmerInnen im Extremfall aus dem System verbannen können. An diesem Beispiel sind auch erste Anzeichen einer Gewaltentrennung in digitale Legislative/Judikative und digitale Executive zu erkennen.
Interessanterweise ist die Bildung einer derartigen digitalen „Staatsmacht“ eine Notwendigkeit, die sich nicht nur auf Online-Rollenspiele beschränkt, sondern die sich ganz allgemein auf jedes virtuelle Wirtschaftssystem übertragen lässt. Auch ein Online Brokeragesystem, in dem beispielsweise LehrerInnen Handel mit eLearning Modulen betreiben, würde ab einer gewissen Größe nicht mehr ohne eine digitale Staatsmacht mit entsprechender Gewaltentrennung auskommen. Gleiches gilt für jede andere kapitalistisch ausgerichtete web 2.0 Anwendung.
In der Eröffnungsveranstaltung zu der in Second Life durchgeführten Vorlesung CyberOne der Harvard ProfessorInnen Charles und Rebecca Nesson (ein Link zu einer Videoaufzeichnung findet sich auf der CyberOne Webseite) wirft Rebecca Nesson die Frage auf, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit sich eine derartige Staatsmacht demokratisch entwickeln kann. Dies ist meiner Meinung nach eine überaus bemerkenswerte Fragestellung mit weit reichenden Konsequenzen.
In der derzeitigen Form ähnelt Second Life einer Diktatur bzw. einer absoluten Monarchie. Linden Labs als „Besitzer“ des virtuellen Wirtschaftssystems Second Life hat trotz aller digitalen Individualrechte der TeilnehmerInnen die letztgültige Macht jeden einzelnen Aspekt von Second Life ungefragt zu verändern. Es könnte Second Life insbesondere jederzeit schließen, was einer de facto Enteignung aller TeilnehmerInnen gleich käme. Gesellschaftspolitisch ist Second Life damit tiefstes Mittelalter.
Rebecca Nesson selbst gibt die Antwort auf die oben gestellte Frage nach den Voraussetzungen virtueller Demokratieentwicklung. Um ein demokratisches System innerhalb einer virtuellen Welt entwickeln zu können, muss das zugrunde liegende technologische System der Allgemeinheit gehören. Es darf insbesondere keinen Feudalherren in Form eines Unternehmens oder einer Einzelperson existieren. Daraus folgt aber, dass virtuelle Demokratien nur auf Open Source Technologien aufgebaut werden können. Open Source bekommt damit eine gesellschaftspolitische Dimension die weit über die derzeitige Interpretation hinausgeht. Open Source wird die Grundvoraussetzung zur Entwicklung von digitalen demokratischen Machtsystemen.
Leider zeigt diese Überlegung auch warum Linden Labs nicht über die Offenlegung des Viewer Source Codes hinausgehen kann. Denn ähnlich wie ein absoluter Monarch die Entwicklung einer echten Demokratie nur durch vollständigen Machtverzicht begründen kann, kann auch Linden Labs die Entwicklung einer echten digitalen Demokratie nur durch eine Offenlegung des Serversystems und damit durch Aufgabe des Geschäftsmodells ermöglichen. Die Offenlegung des Viewer Source Codes ist damit ein erster interessanter Schritt, aber weist für Linden Labs leider nur in eine wirtschaftliche Sackgasse. Für eine echte digitale Revolution benötigt es im Gegensatz zu Second Life eine Entwicklung die bereits von Anfang an ausschließlich auf Open Source Technologien basiert.
Danke für diese interessante Betrachtung.
Das Schließen des Second Life Servers wäre aber nicht nur eine Totalenteignung sondern auch ein "töten" meiner virtuellen Persönlichkeit, des Kappens meiner sozialen Kontakte etc. Linden Lab ist damit innerhalb der eigenen Welt nicht nur Feudalherr sondern "gottgleich".
Es werden noch spannende (oder verrückte) Zeiten. Habe ich irgendwann das Anrecht die Existenzberechtigung meiner "second person" einzuklagen?
Immerhin bauen schon jetzt einige ihre Geschäftsmodelle und damit ihre reele Existenzsicherung auf "Secound Life".
Kommentiert von: Robert Lender | Montag, 22. Januar 2007 um 21:37 Uhr
Nachdem ich darauf im First Life angesprochen wurde: Nein, ich spiele nicht Second Life. Die Ich-Form meines Postings sollte nur verstärkend wirken - bezieht sich aber nicht auf meine Lebensrealität :-) Ich selbst habe Second Life kurz "angespielt" aber danach abgewägt, ob ich die Zeit der Einarbeitung und des immer wiederkehrenden Verweilens in dieser virtuellen Welt aufwenden möchte. Die Entscheidung war vorerst ein Nein...
Kommentiert von: Robert Lender | Dienstag, 23. Januar 2007 um 22:44 Uhr
Danke für das Feedback. Ich habe übrigens aus denselben Gründen ebenfalls noch kein second Life. Mein first Life zeittechnisch zu handeln ist zumeist schwierig genug. :)
Kommentiert von: Michael Wagner | Mittwoch, 24. Januar 2007 um 08:40 Uhr