Bei den Diskussionen der letzten Monate rund um die Frage der „Gefährdung durch Computerspiele“ ist auf Seiten der Verbots-Verfechter immer wieder der Name Manfred Spitzer aufgetaucht. Kein Unbekannter in der Medienwirkungs-Diskussion generell und als (populär-)wissenschaftlicher Autor recht produktiv (Amazon listet über 20 verschiedene Titel unter seinem Namen, im Psyndex gibt es 63 Treffer, mit einem Schwerpunkt im Bereich der Psychopathologie und Schizophrenie). Ich habe mich nun mal aufgerafft und eines seiner letzten Bücher, das im Zusammenhang mit der og. Diskussion immer wieder genannt wird, zu lesen: Spitzer, Manfred (2006): Vorsicht Bildschirm!. Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. München: dtv
Hier ein paar Gedanken dazu:
Spitzer spannt über acht Kapitel und rund 280 Seiten einen sehr weiten Bogen, was die Wirkung von Bildschirmmedien angeht: von der körperlichen Gesundheit, über Aufmerksamkeit, Gehirnentwicklung, Schulleistung, bis zu Gewalt im TV und in Games. Um es gleich vorweg zu nehmen: positive Wirkungen werden nur gelegentlich gestreift und im Grunde abgestritten, z.B. im Abschnitt „Besser durch Computerspiele“, in welchem er eine einzige Studie zu einem einzigen Aspekt eines einzigen Computerspiels herausgreift und umkehrt (S. 239f, betreffend Greene und Bavellier 2003, die eine Verbesserung der Aufmerksamkeitsfunktion nach dem Spiel von Medal of Honor belegen, was für Spitzer bei ADHS-Kindern natürlich höchst problematisch ist und daher generell nicht als positiv gilt).
Seine Argumentation baut er dabei meist auf dem Anführen und (mehr oder weniger oberflächlichen) Beschreiben verschiedener Studien zur Medienwirkung auf, welche allesamt negative Auswirkungen belegen. Über weite Strecken kann ich dabei sogar immer wieder folgen: wenn etwa dargelegt wird, dass Viel-Fernsehen mit Übergewicht einhergeht (S. 23), dass Gewalt am Bildschirm in den letzten Jahren häufiger und intensiver geworden ist (S. 164), oder das speziell an Kinder gerichtete Werbung problematisch ist (S.98), und gar nicht wenige andere. Meine Bereitschaft zur Wegbegleitung wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, wenn er gleich zu Beginn in seiner Einleitung (S. II) und danach immer wieder „dem Bildschirm“ die Schuld an Millionen Toten gibt (z.B. S. 44f). Wenn derartige Berechnungen in vielen anderen Bereichen, mit denen er auch Vergleiche zieht, tatsächlich üblich sind, und wenn „das Auto“ oder die „Kraftwerke“ demnach soundsoviele Menschenleben kosten, dann wird eine Zahl für Bildschirm-Tote auch nicht mehr eine spekulative Größe um Aufmerksamkeit zu erregen. Für Maßnahmen oder Interventionen gibt sie jedenfalls nichts her.
Meine wenigen Wochenstunden Psychologie, inklusive ein paar in Neuro und Statistik, machen es mir leicht, seine Argumente zu verstehen und nachzuvollziehen. Und sie lassen mich eine reihe von Schwachpunkten erkennen: So wendet er sich durchaus explizit dem Problem des Unterschiedes von Kausalität und Korrelation zu (S. 14), in den Darstellungen der Ergebnisse verschwimmen die Begriffe „Zusammenhang“ und „Ursache“ jedoch oft (z.B. S. 197, Text zu Abb. 6.15). Auch seine scheinbar objektive Rechtfertigung der Argumentation mit Effektstärken im Bereich von 0,2 (S. 181) erscheint mir inhaltlich höchst fragwürdig, wenn es etwa darauf hinausläuft, dass er Kritikern entgegenhält, der Zusammenhang zwischen Kondombenutzung zur Verhinderung einer HIV-Infektion sei ebenso groß (S. 224).
In diesem Sinne sind mir noch einige generelle Dinge aufgefallen, die einer näheren und kritischen Hinterfragung wert sind. Aber ich werde mich auf zwei Themen beschränken: die Computerspiele und die Medienpädagogik.
Zu den Computerspielen kann Spitzer eigentlich erstaunlich wenig beitragen. Er beginnt das entsprechende 7. Kapitel mit einem Fehler, wenn er behauptet, die Anfänge der Games würden nur aus den "friedlichen Spielen Ping-Pong, Tetris oder Pacman“ bestehen (S. 207), Spacewar! und Co. dabei aber komplett vergisst. Er behauptet, dass 80% der Spiele Gewalt und Aggression zum Inhalt haben (S. 210), was definitiv nur dann stimmen kann, wenn sehr nun wohl auch Tennis und Pacman als gewalthaltig mitgerechnet werden. Er nimmt Bezug auf America’s Army (S. 214), zitiert dabei sogar korrekt, dass damit „rekrutiert“ werden soll, und verwendet es doch als Argument, dass damit Gewalt trainiert würde. Er verweist auf Studien, wie z.B. Anderson und Dill (2000), in denen „klassische“ Fehler gemacht wurden: Aus dem Vergleich des Action-Shooters Wolfenstein 3D und des nun doch eher alles andere als actionlastigen Myst wurde dort die Aggressivität anhand der Bereitschaft die Lautstärke von Lärmgeräuschen hochzudrehen operationalisiert (S. 221). Wie gesagt, nicht viel und vor allem nichts Substantielles, das Verbots-Befürworter wirklich nutzen könnten.
Und damit bin ich beim letzten Punkt meiner Gedanken zu „Vorsicht Bildschirm!“: Was will Spitzer den selbst eigentlich als Konsequenz? Man könnte meinen, er selbst würde einem Verbot gewalttätiger Inhalte, oder überhaupt gleich von Bildschirmen als solche, das Wort reden. Aber dem ist nicht so! „Sollten wir also Bildschim-Medien am besten auch verbieten?“, fragt er selbst, und gibt die Antwort: „Ich glaube nicht, dass mit dieser Forderung - so berechtigt sie nach allem Gesagten erscheint - etwas erreicht wird!“ (S. 262). Im letzten Kapitel, unter dem Titel „Was tun?“ findet sich eine sehr vielfältige Mischung aus populistischen Aussagen, die letztlich keine Handlungsvorschläge enthalten (z.B. „in Klaren sein, dass Bildschirm-Medien […] sicher schädlich“ seien, S. 282), aus Forderungen, die jede und jeder engagierte Medienpädagoge/in sofort unterstützen werden (z.B. nach einem Verbot von an Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Nahrungsmittel; oder nach Beachtung des Grundsatzes, dass die Dosis das Gift macht; beide S. 282) und einiger Anschüttungen gegen Medienpädagogik im Allgemeinen und einzelnen Medienpädagogen ad personam (S. 270; S. 272).
Ein Résume zu ziehen, fällt mir überraschend schwer. Ich denke, es gibt in den Argumentationslinien von Manfred Spitzer viele Punkte, an denen es aus meiner (medienpädagogischen) Sicht heißen muss: bis hierher und nicht weiter! Und das ist eigentlich sehr schade.
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