Es wurde in diesem Weblog schon desöfteren über Huizinga und sein klassisches Buch "Homo Ludens" geschrieben. Dieses gilt spätestens seit seiner Popularisierung durch Salen und Zimmermann ("Rules of Play") als Standardwerk der (Computer)-Spieltheorie. Interessanterweise gilt "Homo Ludens" auch als wichtiges Werk in der Theologie. Es begründete die so genannte "Spieltheologie", welche in den 70iger Jahren ihre Hochblüte hatte, seither allerdings etwas in Vergessenheit geraten ist. Das ist schade, denn es gibt einige weitere hoch interessante Ansätze die auf Huizinga aufbauen, nie aber den Weg zurück in die Spieltheorie gefunden haben.
Lesenswert in diesem Zusammenhang sind insbesondere "The Feast fo Fools" von Harvey Cox oder auch "Der Spielende Mensch" von Hugo Rahner. "Vom Spiel sprechen wir dann, wenn diese Beherrschung des Leiblichen durch den Geist irgendwie ihre Vollendung gefunden hat [...]. Das selig spielende King, der sein Instrument spielende Künstler [...], der Genius, dem alles wie spielend von der Hand geht: sie sind Verwirklichung einer Ursehnsucht des Menschen nach der unbehinderten, freien, beschwingten Harmonie zwischen Seele und Leib" (Zitat Rahner). Cox wiederum beschrieb die alternativen Lebensgemeinschaften der 60iger Jahre als "rebirth of the monastic, utopian tradition", eine Interpratation die sich genauso auf die neuen virtuellen Lebensgemeinschaften in digitalen Welten übertragen lässt. Damit wird Second Life zu einer Art virtuellem Kloster. Virtuelle Welten sind demnach “experimental tryouts of new institutions, life patterns, values, symbols, and rituals” (Zitat Cox).
Es wunderte mich ein bisschen, dass derartige Ansätze von der gegenwärtigen Spieltheorie oder auch Spielphilosophie kaum beachtet werden. Ich habe mich deshalb mit einem Kollegen aus der Theologie vor Kurzem einen ersten Versuch einer spieltheoretischen Aufarbeitung der Spieltheologie versucht. Das Resultat wird im Frühjahr unter dem Titel "A Theological Reinterpretation of Contemporary Computer Game Theory" im "Online - Heidelberg Journal of Religions on the Internet" erscheinen.
Die Engführung von Spiel und Religion hat wohl mehr mit Huizingas recht penetrantem Protestantismus zu tun als mit den Charakteristika des Spiels. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang insbesondere Sutton-Smith's The Ambiguity of Play, in dem er sich mit den "Rhetoriken" des Spiels auseinandersetzt. Vor diesem Hintergrund könnte ich mir vorstellen, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Spieltheologie und ihrer Fortführung etwa in der "protestant play ethic" zeitgenössischer Spiele durch aus fruchtbar sein könnte.
Kommentiert von: Julian Kücklich | Mittwoch, 14. Februar 2007 um 14:47 Uhr
Bemerkenswerterweise war Hugo Rahner katholischer Theologe. Die Bedeutung von Huizinga geht also über den Protestantismus hinaus, wenngleich er dort natürlich intensiver aufgenommen wurde.
Kommentiert von: Michael Wagner | Mittwoch, 14. Februar 2007 um 15:40 Uhr
ad "derartige ansätze": man könnte überhaupt behaupten dass gerade die computer game studies eine bemerkenswerte ablehung von über hermeneutische ansätze reichenden konzepten vorweist. vielleicht ist es aber auf die jugend des themas zurückzuführen, dass sich erst in sich selbst festigen muss(te), bevor sich umfassendere kulturelle konzepte abseits der curricula der bekannten proponenten einfinden können.
the ambiguity of play ist ein hervorragendes buch das vor allem auch zeigt welche methoden auch verfolgt werden können um sich mit spielen auseinanderzusetzen. darin wird etwa ganz genüsslich der imperativ der zweckungebundenheit des spielens zerpflückt.
Kommentiert von: pi | Dienstag, 20. Februar 2007 um 20:45 Uhr