Gleich drei Autoren dieses Blogs besuchten teilweise als Referenten die Spin Off-Veranstaltung der Münchner Medientage vergangenen April - die Munich Gaming. Es gab viele Themenblöcke, und ich poste hier meinen Bericht zum Thema "Games als Massenmedium vs. TV", der in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift a3-Boom erschienen ist:
Anfang April fand in München ein Dialog zwischen Medien und der Gamesbranche statt. Der Fachkongress im Rahmen der „Munich Gaming 2008“ behandelte die Themen der Computer- und Videospielbranche. Es zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, den manche nicht wahr haben
wollen: Die Vertreter der klassischen Medienhäuser werden beim Rennen um die Gunst des Publikums mit Überholmanövern der Spieleindustrie überrascht.
Daniel Otto von Sony Pictures Televisions International, konnte sich bei der Diskussion „TV goes Gaming“ im [m]athäser Filmpalast kaum zurückhalten. Die Sony Playstation könnte via Internet zum
zentralen Distributionsgerät für digitalen Content im Wohnzimmer werden, ein Dreh- und Angelpunkt auch für Angebote der digitalen Fernsehsender AXN und ANIMAX, für die Daniel Otto mehr als 1,5 Million Abonnenten im deutschsprachigen Raum zählt. Seit zwölf Jahren betreibt man im Konzern eigene TV-Sender für 300 Millionen Haushalte in 130 Ländern. Und obwohl man mit der Playstation derzeit noch andere Strategien als bei Sony Pictures verfolgt, so Otto, ist der Auftrag an seine Organisation klar auf Distribution der kostenpflichtigen Inhalte auf mobile Sony Ericsson-Geräte und eben auch auf die Playstation im Wohnzimmer fokussiert. „Die Zeit der singulären Profitcenter ist vorbei. Als Sponsor der Fußball Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wird Sony auch inhaltlich mitsprechen.“, erklärt der Sony-Manager. „Über den HDMi-Ausgang der Playstation könnten nicht nur die digitalen FIFA-Spiele von Lizenznehmer Electronic Arts auf den hochauflösenden Bildschirm gebracht werden.“, stellt Daniel Otto in Aussicht. „Warum sollte man nicht auch Pay-TV Angebote, z.B. von der Online-Videothek Maxdome der ProSiebenSat.1 Group, mit der Playstation bestellen?“. Was das für die TV-Anstalten bedeutet? „Gefordert sind Relevanz bei den Inhalten und eine medienadäquate Umsetzung dieser Inhalte. Eine publizistische Herausforderung.“, erklärt der Sony-Manager.
Dieser stellt sich Holm Dressler. Der Produzent und Regisseur beschäftigt sich seit 1977 mit Spielen im TV-Programm, u.a. für ARD, ZDF und RTL mit Thomas Gottschalk, Günther Jauch und Frank Elstner. „Ich frage mich immer, unterhaltet oder langweilt mich etwas. Digitale Spiele sind, ähnlich wie Musik, ein kostbarer Rohstoff, auf den ich die Sender immer wieder hinweise.“, erzählt der frühere Autor und Gestalter von „Wetten dass?“. Peter Mucha, Geschäftsführer von Activision Deutschland, u.a. für Spiele-Topseller wie „Guitar Hero“ oder „Spiderman“ verantwortlich, fordert die TV-Macher auf jetzt die Primetime für Games zu nutzen. „Denn eines Tages werden die TVAnstalten für unseren Content zu Kreuze kriechen.“, droht Mucha. Tatsächlich arbeitet Formatentwickler Holm Dressler seit 1 Jahr an einer Samstag Abend-Show.
Für Dr. Marcus Englert von der ProSiebenSat.1 Group ist Gaming aber noch kein Thema für die Primetime. „Digital Spiele sind die Programmverlängerung für TV-Anstalten. Im Internet werden mittels Spiele neue Communities gebildet.“, erklärt Englert die Strategie seines Hauses mit der vor allem die Zielgruppe 14-19 ans Programm gebunden werden soll. Und es geht ihm dabei auch um zusätzliche Werbeerlöse, sprich In-Game-Advertising. Im Spiel zur Reality-Doku-Show „Popstars“ muss die Spielfigur im Game erst einen Energydrink trinken, um so gestärkt das virtuelle Casting zu überstehen. Und das Outfit für den Bühnenauftritt kann man im Internet kaufen. Ob die oft minderjährige Zielgruppe von „Popstars“ tatsächlich im Internet virtuelle Güter für das Spiel einkauft?
Sven Achter von der Verlagsgruppe Holtzbrinck behandelt das Thema Gaming separat vom Kerngeschäft der Printmedienmacher. Mit der Communitiy im Internet, u.a. mit der Akquisition StudiVZ.de, will man auch den Wunsch nach Gaming in der jungen Zielgruppe abdecken. Sven Achter spricht dabei von Free Games und Casual Games, kostenlose Spiele zum Zeitvertreib. Aber auf die Werbeerlöse in Games wird man bei Holtzbrinck in Stuttgart vielleicht verzichten müssen. Denn Werber, wie z.B. Cornelia Lenz von Volkswagen, lassen für sich mittlerweile hochwertige Spiele produzieren und übernehmen dabei den Part der Medienmacher um Zielgruppen zu unterhalten. Auf Medienpräsenz gänzlich verzichten will man auch bei Volkswagen nicht. „Aber die Kommunikation zum neuen Scirocco erzielt durch das Spiel in der angepeilten Zielgruppe enorme Multiplikations-Effekte.“, so Lenz und verweist in der Diskussion auf die Reichweite der eigenen Webangebote des Konzerns.
Die Medienhäuser nehmen dieser Tage kräftig Anlauf um den Spieler an sich zu binden. Und das ist in Deutschland laut der Acta 2006 des Instituts für Demoskopie in Allensbach jeder Vierte zwischen 14-64 Jahre alt. Mittlerweile sind die Spiele- und Hardwarehersteller beim Wettrennen um die Mediennutzung des Konsumenten schon in der Zielgerade. Die Diskussion, wer das Rennen letztendlich gewinnt, findet Fortsetzung bei den Österreichischen Medientagen vom 24. – 26. September in Wien.
Vielen Dank für Deine ausführliche Nachlese. Ganz spontane Eindrücke und Gedanken habe ich per Handy/Mobil-Blogging in meinem "privaten" Blog festgehalten. Wen es interessiert: www.rosenstingl.net/blog Einträge vom 6.-8. April ...
Kommentiert von: Herbert Rosenstingl | Mittwoch, 21. Mai 2008 um 18:17 Uhr