Winfred Kaminski, Professor an der Fachhochschule Köln, gilt als einer der wichtigsten Medienwissenschaftler im deutschen Sprachraum und hat sich im Umfeld der Game Studies insbesondere durch die Organisation der "Clash of Realities" Konferenzreihe einen Namen gemacht. In den letzten Wochen ist er in den Mittelpunkt eines in dieser Heftigkeit bis jetzt noch nicht gesehenen Angriffs des Kriminologen Christian Pfeiffer (nicht zu verwechseln mit dem an diesem Weblog mitschreibenden Multitalent Alexander Pfeiffer!) geraten. Auslöser des Konflikts ist der von Jürgen Fritz herausgegebene Sammelband "Computerspiele(r) verstehen – Zugänge zu virtuellen Spielwelten für Eltern und Pädagogen" und dabei insbesondere der von Kaminski verfasste Artikel "Was Männer lieben und Frauen hassen. Zum Geschlechteraspekt von Spielen."
Dieser Artikel zählt sicherlich nicht zu den Großtaten Kaminskis. Insbesondere ist ihm der Fehler unterlaufen, aus einigen nichtwissenschaftlichen Internetquellen doch recht heftig zu kopieren und die dabei verwendeten Quellen nur unvollständig anzuführen. Kaminski selbst hat dies bereits eingestanden. Nun kann man aus einer derartigen Situation (es handelt sich um ein Buch für ein nichtwissenschaftliches Zielpublikum) einen Plagiatsfall konstruieren, man muss es aber nicht. Das heisst, man muss es nicht wenn man nicht Christian Pfeiffer heisst. Diesem gelang es nämlich über den Vorwurf des Plagiarismus, die Auslieferung des Sammelbandes zu stoppen. Damit verbunden veröffentlichte das von Pfeiffer geleitete Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) eine Rezension des Buches mit dem Titel "Verharmlosung und Beschwichtigung".
Rezension oder Polemik?
Rezensionen sind ein wichtiger Teil der akademischen Kultur. Sie fördern den wissenschaftlichen Diskurs und können, wenn sachlich vorgetragen, ein Fachgebiet weiter entwickeln. Beim Lesen der Rezension des KFN stellt sich allerdings bereits im Titel die Frage in wie weit hier echte Sachlichkeit angestrebt wird. Es ist eine Sache, ein inhaltliches Argument durch ein Gegenargument entkräften zu wollen. Es ist allerdings eine vollkommen andere Sache, persönliche Attacken gegen die Autoren und Autorinnen vorzutragen. Leider versteigen sich die Autoren der Rezension allzu oft in unsachlichen Argumentationslinien, deren einziger Zweck es zu sein scheint, einige Autoren des Sammelbands als "naiv" und "unwissend" darzustellen und damit in ihrem wissenschaftlichen Ansehen zu schaden.
Genau genommen handelt es sich hier also nicht um eine Rezension, sondern viel mehr um eine Polemik. Als solche ist diese Lektüre vielleicht recht vergnüglich zu lesen, hat aber keinerei tatsächliche wissenschaftliche Bedeutung. Es verblüfft mich immer wieder, dass sich Arbeiten aus dem Umfeld von Pfeiffer durch die meiner Meinung nach etwas faschistoide Sprachwahl selbst zerstören. Würden Pfeiffers Argumente wirklich so schwer wiegen, wie er selbst behauptet, so hätte er diese Sprache nicht notwendig.
Das Zentrum des wissenschaftlichen Universums
Was mich allerdings besonders stört, ist die Tatsache, dass die "Rezension" in mehreren Stellen den Eindruck zu vermitteln versucht, dass das Zentrum aller Wahrheit im Zusammenhang mit Medienwirkung im KFN zu suchen ist. Bevor ich diesen Punkt etwas ausführe, sei darauf hingewiesen, daß ich mir im Folgenden einen heftigen polemischen Ausflug erlaube. Schliesslich handelt es sich bei diesem Beitrag nicht um eine Rezension der Rezension, sondern eher um eine Polemik zur Polemik da es eine Rezension der Polemik ja gar nicht geben kann.
[Beginn der Polemik]
So beschweren sich die Autoren an mehreren Stellen heftig über die Tatsache, dass man ihre Forschungsergebnisse übergangen habe. Schliesslich habe man ganz eindeutig bewießen, dass man bezüglich des Bedrohungspotentials von Computerspielen uneingeschränkt Recht habe. Nun stelle ich mir intensiv die Frage, warum umgekehrt die zahlreichen Studien mit gegenteiligen Ergebnissen keine Beachtung in den Arbeiten des KFN finden? Was ist zum Beispiel mit der klassischen, im Handbook of Computer Game Studies erschienen, Metastudie von Goldstein oder der vor Kurzem in Buchform aufgelegten Studie von Kutner und Olson? Wahrscheinlich handelt es sich dabei wohl um Unsinn produziert von unwissenden Wissenschaftlern mit hoher Naivität, finanziert von der Computerspielmafia. Alles nach dem Motto: traue keinem echten Psychologen!
Und so beschäftigen sich die zahlreichen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen in den Forschungsgruppen von so unbedeutenden Institutionen wie dem Massachussetts Institute of Technology, der Stanford University, der Carnegie Mellon University, der University of Southern California, dem Georgia Institute of Technology, der University of Wisconsin, der Arizona State University, der University of London, der University Tampere oder auch der IT University Copenhagen (nur um einige Beispiele zu nennen) vollkommen ohne Aussicht auf Erfolg mit den positiven Eigenschaften von Computerspielen. Denn diese Anstrengungen verblassen vollkommen im Scheinwerferlicht des KFN, dem Besitzer der offensichtlich einzigen und allumfassenden Wahrheit zur Medienwirkung.
[Ende der Polemik]
Fazit
Es darf wohl erwartet werden, dass Kaminski seinen Beitrag nicht unbedingt als Höhepunkt seiner Karriere betrachten wird. Hierbei handelte es sich schon um ein handfestes Eigentor. Gleichzeitig habe ich auch selten einen so plumpen Versuch erlebt aus einem populärwissenschaftlichen Ausrutscher öffentlichkeitswirksames Kapital schlagen zu wollen. Was bleibt ist zum einen die Erkenntnis, daß man in unserem Fach besonders auf der Hut sein muss und sich keine Fehler erlauben darf und zum anderen die Tatsache, daß Christian Pfeiffer das Thema unermüdlich in den Medien halten wird. Letzteres stimmt mich eigentlich recht fröhlich. Denn ganz ehrlich gesagt, gäbe es Christian Pfeiffer nicht, so wäre auch meine Wenigkeit für die Medien nicht wirklich interessant.
na dann kann ich mich ja auf was gefasst machen, wenn der band aus dem kontext des von der BUPP organisierten wiener spieletages im rathaus erscheint. dort drin ist ein artikel von mir, den ich als "randwissenschaftlich" bezeichnen würde, der aber mit wesentlichen neuen studien (zb. grand theft childhood) im wesentlichen auf einer welle schwimmt. dennoch ist der artikel sehr persönlich und hat eher den charakter eines wissenschaftlichen editorials als den einer "qualitativ hochwertigen" publikation.
gleichzeitig finde ich, dass für diese art von text in unserer "wissenschaftlichen" publiakationskultur viel zu wenig platz ist. diese pseudo-objektive halbwissenschaftliche dünnbrettbohrerei, die man dann oft unter dem titel "wissenschaftliche studie" findet, die sich hinter ihrem 5%-konfidenzintervall versteckt und dabei genau gar nichts wesentliches aussagen kann, die hängt mir schon so sehr zum hals heraus, ich kann es gar nicht sagen.
ps: das unterstelle ich jetzt aber keinem der im artikel angesprochenen, nur damit hier niemand beleidigt ist).
pps: eine dekonstruktion dieser vorgehensweise bildet konsequenterweise auch den analytischen kern meines artikels in dem buch.
Kommentiert von: peter purgathofer | Samstag, 24. Mai 2008 um 20:10 Uhr
Meiner Meinung nach ist dein Artikel in dem Buch ("Faszination Computerspielen", herausgegeben von Mitgutsch und Rosenstingl und gerade erst erschienen) absolut großartig!
Ich erlaube mir, deinen Begriff "statistische Dünnbrettbohrerei" in meinen akademischen Wortschatz aufzunehmen. :)
P.S. in den nächsten Tagen werden wir hier über das Buch einen Beitrag posten.
Kommentiert von: Michael Wagner | Samstag, 24. Mai 2008 um 20:45 Uhr
danke für die blumen.
Kommentiert von: peter purgathofer | Montag, 26. Mai 2008 um 09:43 Uhr
...jaja, die "nächsten tage", die dauern oft wochen... ich kenn das ... :)
Kommentiert von: peter | Montag, 07. Juli 2008 um 19:48 Uhr
:) Zu meiner Verteidigung: es war für Juni eine Buchpräsentation geplant. Die hat sich aber auf September verschoben.
Kommentiert von: Michael Wagner | Montag, 07. Juli 2008 um 20:12 Uhr
Sehr spannender Beitrag. Ich habe das besagte Buch und die Diskussion mitverfolgt. Bezüglich der Medienwirkung sind die Lager wirklich gespalten. Dabei ist es doch nicht eine Entweder-oder-Entscheidung. Die Wirkung der Medien ist derart komplex, dass monokausale Theorien der Sorte "gewalhaltige Spiele machen dumm und aggressiv", "Computerspiele haben keinen negativen Einfluss" zum scheitern verurteilt sind. Obwohl das jeder weiß, wird doch recht oft (in den Medien) der Eindruck eines derart einfachen kausalen Zusammenhangs erweckt. Zum Glück sind Computerspiele nun offiziell Kultur und immer mehr Berichte schauen etwas gründlicher auf dieses Phänomen. Es dauert nicht mehr allzulange, da haben monokausale Ansätze keine Chance mehr, derart plump verbreitet zu werden. Die Konsumenten wissen es dann nämlich besser. Hoffe ich zumindest ;)
Kommentiert von: Christian Roth | Montag, 18. August 2008 um 15:00 Uhr